#20 – Eine Filmkritik

#20 – Eine Filmkritik

Lange hatte man darauf gewartet, lange war er herbeigesehnt worden, viele Erwartungen und Wünsche waren an diesen Film geknüpft. #20 – Ein Film von Fans für Fans, finanziert durch die größte Crowdfoundingkampagne, die diese Region je gesehen hat. Doch hat der Film die – ohnehin recht hohen – Erwartungen erfüllt? Die folgende Rezension versucht den Film sachlich zu betrachten, in Anbetracht der Thematik ein schwieriges Unterfangen. Ich bemühe mich, im folgenden Spoiler zu vermeiden, dennoch ist es möglich, dass einzelne Szenen oder Handlungselemente vorweg genommen werden könnten.

Der Film beginnt mit großen Bildern, bekannten Silhouetten und einem der besten Poetry Slam Beiträge, die diese Stadt je gesehen hat. In kürzester Zeit baut sich eine Spannung auf, die den Film zwei Stunden lang tragen wird. Es werden die allermeisten Meilensteine der Wolfsburger Vereinsgeschichte betrachtet. Titel und Erfolge, große Spiele, große Choreographien. Obwohl sich der Film bemüht, vor allem auf die Fans und die Geschehnisse in der Kurve einzugehen, werden lange Totalaufnahmen bewusst vermieden und stattdessen versucht, jede Kameraeinstellung und jede Szene in die Handlung einzupassen. Hierbei hängen die Themen – typisch für einen Dokumentarfilm – nur lose zusammen.

Dennoch wird der Film dem Genre nicht wirklich gerecht. Er bemüht sich gar nicht, besonders nüchtern oder sachlich auf die Dinge zu schauen, denn die Emotionen sind die wichtigsten Instrumente der Inszenierung. Heraus kommt ein Film, der irgendwo zwischen einer sachlichen Dokumentation und einem ausgeflippten Kurvenfilm liegt und das im besten Sinne der Bezeichnung. Dieser Spagat gelingt dem Film über weite Strecken außerordentlich gut, obwohl einige Passagen vor Produktplatzierungen beinahe zerbersten und die Atmosphäre etwas stören.
Einige Teile des Films sind von traurigen Begebenheiten geprägt, vor allem der Tod mehrerer wichtiger Personen wird lange thematisiert. Hier wird deutlich, dass #20 auch leise Töne anschlagen kann. Differenziert werden die einzelnen Schicksalsschläge und dessen Folgen beleuchtet. Dieser bewegende Teil ist so emotional, dass der anschließende Wechsel zum nächsten Thema sehr schwer fällt.

In #20 kommen unterschiedliche VfL Fans zu Wort: Vom Capo über den Kuttenträger bis hin zum Exilanten aus England . Die unterschiedlichen Themen werden von den Darstellern nacherzählt und mit meist bombastischen Bildern untermalt. Dabei gehen die Redebeiträge regelmäßig über übliche Floskeln hinaus und offenbaren die innersten Gedanken der Darsteller.
In der Mitte des Films weicht der Film vom bekannten Muster ab und zeigt eine ironische Talkshow. Diese Szenerie prägt das Gesicht des Films nachhaltig, obwohl sie in die sonstigen Handlungen nicht hineinpasst. Dabei ist es weniger ein schwacher Trost, dass die Produktion dieses Teils handwerklich wirklich gelungen ist, sondern mehr die Tatsache, dass die Handlung in diesem Abschnitt für den restlichen Film vollkommen irrelevant ist. Diese Mittel werden im Folgenden mehrmals wieder aufgegriffen und mehrere kurze Handlungen mit leicht komödiantischer Note werden präsentiert. Diese wirken zwar durchweg auflockernd und helfen, leichtfüßige Übergänge zu finden, wirken stilistisch jedoch regelmäßig deplatziert. Durch diese an sich gute Idee wirken einige andere Übergänge – gerade im direkten Vergleich – arg hölzern.
Inhaltlich hätte man sich vielleicht noch mehr Einblicke in die tägliche Arbeit der Fans gewünscht. Gerade wichtige Themen wie die Vorbereitung für Choreos oder der gesamte Komplex der Auswärtsfahrten wird nur leicht angekratzt. Diese Thematik hätte eine neue Perspektive eröffnet, allerdings den Film nachhaltig in eine andere Richtung gedreht. Der Spannungsbogen gibt der vorliegenden Gewichtung jedoch Recht.

Handwerklich gibt der Film alles. Die Kameraführung ist stets passend und gerade der Einsatz der Kameradrohne bringt hier grandiose Totalaufnahmen. Die Interviewsituationen sind immer gut arrangiert, die Szenen gut ausgeleuchtet und der Schnitt ist durchweg förderlich für die Atmosphäre. Dabei gibt die Musik einen ganz eigenen Stil. Es werden einige Lieder verwendet, die in der Fanszene von größerer Bedeutung sind. Ansonsten mischen sich, je nach Thema, monumentale Märsche mit unaufdringlicher Hintergrundmusik. Die induzierten Emotionen mögen einem Fremden möglicherweise ungewöhnlich episch vorkommen. Hier hält sich der Film jedoch an seine Zielgruppe, denn die geforderte Emotionalität fördert diese Abmischung besonders.

Die Darsteller sind durchweg glaubwürdig und sympathisch wiedergegeben. Durch die Vielzahl an verschiedenen Perspektiven gibt es zu jedem Ereignis einige Hintergrundinformationen und die Situationen werden auch für Außenstehende greifbarer. Jedoch fällt sofort auf, dass die Darsteller eine stark unterschiedliche Erzähltiefe bieten. Während manche Protagonisten schwierige Themen recht differenziert auseinander nehmen, müssen sich andere meistens auf Floskeln und Parolen beschränken. Doch genau diese Diversität gibt #20 seinen Charme, denn diese Entscheidung gibt die Unterschiede in der Szene detailgetreu wieder. Dennoch fällt auf, dass einige Darsteller sichtlich Probleme haben, einige Themen einzuordnen.

Der größte Kritikpunkt des Fanfilms mag seine Ausrichtung sein. Er ist von und für Fans gemacht. Dies merkt man in jeder einzelnen Einstellung. Damit wird die Faszination in großen Teilen von Wolfsburger Legenden und persönlichen Geschichten aufgebaut. So wird sich jeder Wolfsburger wird sich dabei erwischen – zwischen den schnellen Schnitten – Freunde und Bekannte in der Menge zu suchen. Die Geschichten vieler Stars kommen jedoch nicht im Ansatz an die Erzähltiefe der anderen Geschichten heran, allein die Präsenz der Altstars zeigt jedoch Wirkung.
Diese Aufmachung dürfte allerdings einigen Unbeteiligten sicherlich sauer aufstoßen. Während VfL-Fans sich gut unterhalten fühlen mögen, mag der Film auf andere wie ein zweistündiger Insiderwitz wirken, den man nicht versteht, weil man gerade als es wichtig wurde nicht da war.

Nach 123min bleiben viele Szenen für lange Zeit im Gedächtnis. Der Dokumentation tut der frische, emotionale Ansatz sichtlich gut, auch wenn der Spannungsbogen manchmal dem abrupten Wechsel der Stilmittel zum Opfer fällt. Allein die Tatsache, dass diese kleine Stadt einen solchen Film aus dem Boden gestampft hat, ist jedoch aller Ehren wert. Als Wolfsburger, als VfLer oder als Fußballfan sollte dieser Film zu den „Must Haves“ in diesem Sommer gehören. Alle anderen sollten den Film zumindest in Begleitung schauen oder vorher einen Crashkurs in Wolfsburger Geschichte nehmen.

Trotz allem bietet #20 alles was einen großartigen Film ausmacht. Tolle Charaktere, spannende Geschichten, epische Kamerafahrten und vor allem eines: ein Happy End! In diesem Sinne – 20 Jahre erste Liga. Charpeau #20, Charpeau VfL, Charpeau Wolfsburg!

Nils