Die fragwürdige Doppelmoral unserer sportlichen Führung

Auch einen Tag nach der überraschenden Entlassung unseres Cheftrainers und den redlichen Bemühungen seitens der sportlichen Führung, die Entscheidung zu verkaufen, bleibt ein fader Beigeschmack. Wir erinnern uns an die Marschrouten und Zielsetzungen während der Vorbereitung, in denen Olaf Rebbe Jonker als einen „pendantischen Typen mit Detailversessenheit“ beschrieb und ihm bescheinigte „Jonker war nie als Feuerwehrmann gedacht, er kann die Puzzleteile zusammenstellen“. Gemeint war hier der Spagat zwischen Klassenerhalt in der vergangenen und dem Aufbau einer neuen Struktur und Spielidee für die neue Saison.
Sich selbst auf die Schulter klopfend stellte man während der Vorbereitung früh klar, dass man bereits zu Beginn des 1. Trainings den Großteil des gewollten Umbruchs geschaffen und die wesentlichen Verpflichtungen abgeschlossen hätte. Letztlich kam es in Wolfsburg jedoch wie so häufig und die großen Aktivitäten folgten auf den letzten Drücker. Anstelle eines vom Trainer favorisierten Außenbahnspielers holte man mit Origi wieder einen großen Namen, der jedoch offenkundig eher im Zentrum beheimatet ist. Immer wieder wies Rebbe hierbei auf die Geduld und Zeit hin, die man der Mannschaft nach dem Umbruch geben müsse. Auch wenn die Leistung aus den ersten Spielen nicht berauschend war und man lediglich beim Heimspiel gegen Hannover das Gefühl hatte, dass die Mannschaft einen klaren Plan verfolge, wie sie zum Erfolg kommen möchte, sind vier Punkte aus vier Spielen kein Grund zur Annahme, dass der Verein wieder in eine Krise schlittern würde. Nach der erwähnt unverständlichen Demission Jonkers scheint man sich nun aber wieder hausgemacht in einer solchen zu befinden. Auch die möglichen positiven Folgen einer knapp verhinderten Katastrophe in der vergangenen Saison, als Mannschaft gestärkt aus der Situation heraus zu gehen und fester zusammen geschworen zu sein, ist nun wohl endgültig dahin.
Die Frage muss daher erlaubt sein, wie viel Glaubwürdigkeit man den Aussagen Rebbes schenken darf. In einem Interview während der Vorbereitung äußerte sich unser Sportdirektor als Fan des von den Fans geprägten Slogans „Arbeit, Fußball, Leidenschaft“ und stellte klar: „Wir wollen ein Klub für alle VfL-Fans sein, für jene aus Gifhorn genauso wie für die Fans in Peking“. Um Werte zu leben und Identifikationen zu schaffen gehört aus meiner Sicht jedoch mehr dazu als den Fans nach dem Mund zu reden. Nachhaltigkeit und Transparenz bleiben hier auf der Strecke. Denn Jonker wurde von weiten Teilen der Fans sehr positiv wahrgenommen, da man ihm eben jeden Werte in seinen Äußerungen von Beginn an abnahm. Ob Rebbe hier noch authentisch wirkt bleibt in Frage zu stellen. Ein weiteres Beispiel dafür ist sein Umgang mit der Zerstückelung der Spieltage. Zu Gast bei unserem Fanclub entgegnete er, angesprochen auf diese Thematik, zunächst mit der Gegenfrage, ob die neuen Anstoßzeiten denn tatsächlich ein so großes Problem für die Fans wären, um nach dem bemerkten Wiederstand aus dem Plenum, schnell zurück zu rudern und sich als Befürworter der 15:30 Initiative zu outen. Auch in öffentlichen Interviews weiß er sich diplomatisch zu geben und versucht Verständnis für beide Seiten (Fans & Amateursport, sowie dem marktwirtschaftlichen Interesse der Vereine) zu ergattern.
Nicht zu vergessen, weil unbekannt, ist jedoch die Komponente Geschäftsführung & Aufsichtsrat. Es scheint schwer einzuschätzen, wie viel Anteil Rebbe alleine an dem Trainerwechsel hat und wie stark die Führungsetage Einfluss genommen hat. Etwas kurz kommt hier schließlich die sportliche Komponente in der Führungsetage. Rebbe hat selber nie im Profibereich gespielt, Marketing und Kommunikation studiert und sich in sportlich verantwortlichen Bereichen hochgearbeitet. Dr. Tim Schumacher als Geschäftsführer zu installieren muss als klares Signal Volkswagens gewertet werden, seine eigenen Leute stärker im Verein unterzubringen. Eine nachgewiesene sportliche Fußballkompetenz muss wohl noch unter Beweis gestellt werden. Ähnliches vermisst man seit jeher auch in unserem Aufsichtsrat und spätestens seit dem Abgang von Winterkorn, der sich stets als bekennender Fußballfan zu bekennen gab und mitverantwortlich für den sportlichen Aufschwung ab 2007 war, scheint auch hier ein einheitliches und transparentes Konzept nicht vorhanden zu sein.
Ein weiterer Beleg hierfür scheint auch die personelle Ausstattung des Trainerteams unter dem neuen Gespann zu sein. Nachdem sich der Verein im Sommer noch damit brüstete, neue Strukturen geschaffen zu haben, in dem ein umfangreiches Funktionsteam rund um den Cheftrainer installiert wurde, mussten nun neben Jonker auch zwei Assistenztrainer, sowie ein Spielanalytiker gehen. Schmidt scheint derweil für den Moment mit einem Co-Trainer auszukommen. Auch wenn darüber hinaus mit unserem Torwart-, Fitness- und Reha Trainer ein Teil des bestehenden Trainergespanns bleiben durfte entsteht der Eindruck einer klaren Abweichung von den erst kürzlich aufgebauten Strukturen.
Nun wollen wir den Kreis aber schließen und versuchen positiv nach vorne zu blicken. Denn eine Abwehr unseres neuen Trainers oder gar der Versuch die nun vom Verein verursachte negative Stimmung weiter anzufeuern wäre in der jetzigen Phase grob fahrlässig. Wir müssen Schmidt von Beginn an unterstützen und hoffen, dass sich sportlich nun der Weg wieder ebnet und wir in ruhigere Fahrwasser gelangen.
Sollte die Installation des Schweizers jedoch nicht den erhofften Erfolg bringen sind die Positionen, über die dann zu diskutieren sein wird, hier hoffentlich offenkundig beschrieben worden.

 

Sören