Warum der Abstiegskampf auch etwas Gutes für Wolfsburg hat!

5:1, 5:0, 3:0, 4:1 oder eben 6:0. Wir haben im Laufe dieser Saison bereits einige herbe Pleiten erlebt. Nach der jüngsten deutlichen Packung gegen die Bayern steht unser VfL punktgleich mit dem 16. aus Hamburg lediglich zehn Tore über dem Relegationsplatz. Eigentlich genügend Gründe, seinen Unmut lautstark kund zu tun und die Mannschaft mit den typischen Abstiegskampfparolen zu belegen. Doch während man in Braunschweig anfangen würde zu skandieren „Wenn ihr absteigt schlagen wir euch tod“ oder andernorts ähnliche sinnfreie Hassparolen heraushaut und direkt den Austausch aller Amtsinhaber fordert, hat sich in Wolfsburg ein beachtlich positiver Weg in den letzten Wochen und Monaten abgezeichnet. Eine unterstützende Grundhaltung, die nicht nur für besondere Empfänge und Aktionen sorgt, sondern einen Großteil der Nordkurve auch in der 80. Spielminute beim Stand von 0:5 dazu animiert, allen Anwesenden deutlich zu machen: „Einmal Wolfsburg, immer Wolfsburg“. Ich nehme aktuell einen großen Zusammenhalt innerhalb der Wolfsburger Fanszene wahr, der so in den vergangenen Monaten nicht vorhersehbar war. Plötzlich leben und erleben viele Fans wieder diese besonderen Emotionen, die einen Fußballfan Woche für Woche in die Stadien dieses Landes treibt.

In Wolfsburg sind mir diese Emotionen in den vergangenen Monaten nach dem Pokalsieg zunächst etwas verloren gegangen und in eine falsche Richtung abgedriftet. Eine, durch die Verantwortlichen geförderte, erhöhte Erwartungshaltung über spielerische Finesse und sportlichen Erfolg, ließen viele von uns bereits in schier hoeneßischen Sphären schweben. Die Ernüchterung, in der vergangenen Saison noch durch eine aufregende Champions League Teilnahme aufgeschoben, folgte in dieser Spielzeit dann Knall auf Fall. Trotz zum Teil anständiger Leistungen blieben die Erfolgserlebnisse durch Siege und vor allem Tore immer häufiger aus und sorgten für eine überraschend früh einkehrende negative Grundstimmung in der Arena. Jeder Rückpass zum Torwart, jeder Fehlpass und vor allem jedes nicht per Direktabnahme in die Spitze weitergeleitetes Anspiel wurde mit lautem Nörgeln und Pfiffen quittiert. Die ersten Forderungen nach einem Trainerwechsel ließen nicht lange auf sich warten und mündeten in einem Endzeitszenario zum Heimspiel gegen Leipzig. Der frenetisch sarkastische Jubel zahlreicher Wolfsburger beim Führungstreffer für die Gäste erinnerte doch eher an ein schlechtes Kabarett, als an bedingungslose Unterstützung für seinen Verein. Die nachfolgende Entlassung eines verdienten Cheftrainers, der den Anschein machte, endlich Kontinuität auf dem Trainerposten einkehren zu lassen, war in meinen Augen weniger der sportlichen Situation wegen unumgänglich, als vielmehr der drastisch negativen Stimmung innerhalb der Anhängerschaft gegen Hecking geschuldet. Auch in den kommenden Partien habe ich mir bei jedem Pfiff von den Rängen gewünscht, dass diese Unruhestifter in Zukunft doch bitte lieber zu Hause vor dem Fernseher die Spiele verfolgen mögen und in der Kurve wieder mehr Raum für Support und Anfeuerung herrsche. Auch wenn es grundsätzlich jedem freisteht, seinen Unmut zu bekunden sind Pfiffe während des Spieles in meinen Augen nie zielführend und gehören in keine funktionierende Fanszene. Daher habe ich die große Hoffnung, dass all diese „Theaterzuschauer“ ohne die Verlockung durch ihre vergünstigte Dauerkarte ein, zwei Mal in der Saison ein internationales Schwergewicht in der Arena sehen zu können und auch keinem übereifrigen Saisonziel wie der Champions League gelockt werden, in Zukunft von unseren Spielen fernbleiben. Dies hätte nicht nur den positiven Effekt, dass wieder freie Plätze, unter anderem in der Nordkurve für echte Fans verfügbar wären, sondern auch die Stimmung noch positiver und belebter als aktuell werden dürfte.

Denn der beschriebene Trend in der Kurve zeigt spätestens seit dem erneuten Trainerwechsel deutlich nach oben und wird durch das zu vermutende Herzschlagfinale bis zum letzten Spieltag noch weitere Emotionen bündeln. Und der Abstiegskampf ist genau deshalb gerade gut für uns, weil viele Wolfsburger ihre Begeisterung für den Verein entweder wiederfinden oder im Fall von unseren jüngsten Fans eventuell gerade erst so richtig entfachen können. Auch wenn wir uns alle etwas weniger Sorgen für diese Saison und vor allem bei den Heimspielen mehr Erfolge gewünscht hätten, so würde eine weitere Spielzeit um Platz 10 und die „goldene Ananas“ sicher keinen derartigen Effekt mit sich bringen.  
Auch wenn über allem der Klassenerhalt steht, muss es unser Ziel sein, die Mannschaft weiterhin so gut es geht zu unterstützen und gemeinsam am Ende den Klassenerhalt zu feiern. Denn sollte dieser erst gegen Mönchengladbach oder in Hamburg geschafft werden, dann haben es die vergangenen Abstiegsendspiele bereits gezeigt, werden wir alle wieder eine unglaubliche Party feiern können, die einem dann auch positiv in Erinnerung bleiben wird. Sollte uns dies gelingen, dürfen wir uns im Anschluss auch auf einen immens dramatischen und packenden Fanfilm #20 freuen, den man sich von der Dramaturgie her hätte nicht besser schreiben lassen können. Und nach der Premierenfeier Anfang August heißt es für uns alle dann anknüpfen an diesen Saisonendspurt und auch in der kommenden Spielzeit Emotionen freien Lauf lassen und die Mannschaft nach vorne peitschen. Denn diese wird unter der aktuellen sportlichen Führung hoffentlich ebenfalls die positiven Tendenzen aufnehmen und eine Mannschaft zusammenstellen, die nicht von überhypten Namen lebt, sondern mit Herz und Leidenschaft spielt und die eigenen Gefühle dieser aufreibenden Saison nutzen wird, um noch enger zusammenzuwachsen und uns eine sportlich erfreulichere Saison bescheren wird.

In diesem Sinne, alles für Wolfsburg, alles für den Klassenerhalt!

 Sören