Zehn Meilenwölfe im Zug, ein Maß und der ganz große Punkt – ein >>BerichtBericht<<

Zehn Meilenwölfe im Zug, ein Maß und der ganz große Punkt – ein >>BerichtBericht<<

4 Uhr morgens – VIER Uhr… MORGENS – der Wecker klingelt. Unter größten Protesten meines Biorhythmusses werfe ich meinen Wecker gegen die Wand und schlurfe zum Bad. „Es wird cool“ haben sie gesagt, „wenn wir verlieren, ist da noch das Oktoberfest“ haben sie gesagt… In schier unendlicher Sicherheit einen großen Fehler zu machen, bereite ich mich wirklich auf die unsinnigste Tour des Jahres vor. München, bei den Bayern, in der Allianz Arena: der Ort an dem Wolfsburg weniger Punkte geholt hat, als ein durchschnittlicher Fahrschüler in seiner ersten Stunde, in Zahlen 0.
In meinem grenzenlosen Optimismus hole ich die Flaschen mit Schnaps aus dem Kühlschrank. Es sind nur fünf. „Ist ja auch nur für die Hinfahrt“ denke ich mir. Handlungsloch.
Um 5:30 Uhr stehe ich freudestrahlend am Wolfsburger Bahnhof und sehe eine Gruppe Dementoren auf mich zu wanken. Es ist nur dem Inhalt meiner Kühltasche zu verdanken, dass ich nicht sofort Reißaus nehme – zu schwer. Auf den zweiten Blick erkenne ich jedoch die müden und bleichen Gesichter der Anderen. Ich atme durch und öffne mein erstes Bier. Es schmeckt so mittelmäßig aber darum geht es heute ja auch nicht. Tatsächlich vollständig betreten wir den ersten Zug, der uns OHNE UMSTIEG bis nach Hannover bringt. Yay!
Bevor alle einen Platz eingenommen haben, steigen wir nach gefühlten 3 Minuten aus und laufen über den Bahnhof zum nächsten Zug. Dieser sollte uns bis nach Nürnberg – zu unserem Anschlusszug nach München – bringen.
Als der ICE einfährt und als Ziel „München“ an der Tafel steht, beschleicht uns das Gefühl, einen Denkfehler gemacht zu haben. Es scheint zwar unbestreitbar richtig, die unnötigen Strapazen auf sich zu nehmen, denn immerhin konnten wir so Reisekosten im Gegenwert einer Packung Kaugummi sparen. Dennoch reagiert die >>breite<< Basis mit leichten Vorbehalten.

Nach der heldenhaften Eroberung von zusammenhängenden Sitzplätzen – entscheidend erleichtert durch das Vorhandensein von Platzreservierungen – fahren wir nun endlich härtere Geschütze auf. Während wir unsere Körper mit flüssiger Zuversicht stärken, begegnen uns die ersten Bayernfans in Lederhosen. Sie proklamieren: „Eff Zeeh Baaaian“. Mit anderen Worten: wir müssen aufholen! Handlungsloch.
Ankunft am Münchener Bahnhof: Den Zenit unserer Druckbetankung noch nicht ganz erreicht, treffen wir auf unser allwissendes Stadtorakel. Fast ohne Wahrnehmungslücken folgen wir dem Stechschritt, weichen dabei den lederhosentragenden Slalomstangen aus und erreichen die heiligen Wiesn fast ohne Kollateralschäden.
Dem allwissenden Orakel folgend, betreten wir also ein Festzelt und suchen uns zielsicher den Tisch direkt neben der Blaskapelle und bestellen direkt eine Runde Bier. „Dank dieser atemberaubenden Entscheidung können wir uns nun ganz auf’s Trinken konzentrieren. Man versteht eh nichts. Wie viel Bier hattest du schon?“, frage ich. „WAAASSS?“ antwortet mein Sitznachbar. Ich wiederhole meinen Satz noch drei Mal, dann nickt er und lacht aus heiterem Himmel. Anschließend geht er in Richtung der sanitären Einrichtungen und ich verliere ihn aus den Augen. Vor dem Zelt treffe ich einen anderen Mitfahrer und wir beginnen unser Geld auf den Ausgang des Spiels zu setzen. Unser Favorit: Maximilian Arnold trifft und Wolfsburg gewinnt. Quote: 90 für einen Euro. Eine schnellere Methode zum Geldverbrennen als Bier zu kaufen, denken wir…
Drei Maß später verlassen wir das überfüllte Festzelt und laufen – respektive torkeln – zum Treffpunkt vor dem Zelt. Einige haben den Grund unseres Besuches vollständig vergessen, andere durchsuchen ihre Hosentaschen nach der Stadionkarte und dann gibt es da noch unsere einheimisches Orakel. Vollkommen unbeeindruckt vom Alkohol – allerdings auch einige Stunden im Rückstand – erklärt sie der Meute den Weg zur U-Bahn, bevor sie einen Umweg über den Hauptbahnhof nimmt um die Taschen der anderen zum Stadion zu bringen.
In meiner grenzenlosen Kompetenz übernehme ich das Heft des Handelns, erreiche die erste Weggabelung… und biege falsch ab. Dank der „Hilfe“ von mehreren Einheimischen verlaufen wir uns nun vollends und gerade der angeheiterte Teil unserer Gruppe wirkt plötzlich gar nicht mehr so heiter. Mit vereinten Kräften und einer großen Portion Glück erreichen wir schließlich die Metro und finden sogar einen Zug in Richtung Stadion. Dort treffen wir die Bayernfans aus dem ICE wieder. Sie skandieren wieder „pff Zeehhh Baaaiiiiian“. Wir antworten mit nur streckenweise zitierfähigen Ausrufen und schocken die Bayern mit geballter Kreativität. Also: Aufholjagt erfolgreich!
Vor dem Stadion angekommen, treffen wir unsere autofahrenden Kollegen, die dort schon eine Weile auf uns warten. Obwohl ich große Angst habe, allein durch unseren Atem die Anderen fahruntüchtig zu machen, entstehen auf dem Weg zum Block einige Gespräche.
Im Stadion angekommen kann nun die Zeit bis zum Anstoß für – endlich – günstige Getränke genutzt werden. Bei einem Literpreis von unter 10 € kann man beruhigt von einem Schnäppchen reden. Die übrige Zeit nutzen wir für ein Gruppenfoto und das ausgiebige Studium der Blaskapelle in der Arena. Fazit: viel günstiger als auf dem Oktoberfest ist es dort nicht, aber durch den abnehmenden Pegel deutlich nervtötender.
Zum Spiel: unser VfL beginnt engagiert und hat auch durch Arnold die erste Chance. Dank unserer Wette vom Mittag geht bei jedem seiner Ballkontakte ein Raunen durch den Gästeblock. Ansonsten läuft die erste Halbzeit wie in München gewohnt: ein mutiger VfL, ein unberechtigter Elfmeter und eine abgefälschte Gurke, also 2:0 für Bayern. In der Halbzeit debattieren einige über eine verfrühte Abreise, doch wir glauben an unseren Tippschein. Mit anderen Worten: Wir müssen erneut aufholen!
Als hätten die Spieler in der Halbzeitpause eine Videoanalyse mit unseren besten Wiesn Szenen geschaut, laufen sie los und versuchen unsere Aufholjagt zu kopieren. Am Anfang noch zaghaft doch spätestens nach dem – zugegeben glücklichen – Tor durch eben jenen Maxi Arnold mit der Überzeugung ihres Lebens. Nach einer klasse Halbfeldflanke von Paul Verhagh steht Didavi richtig und köpft den Ball an den Innenpfosten… Vollkommen untypisch für ein Spiel gegen Bayern beschließt der Ball schlussendlich doch vom Pfosten ins Tor zu springen und alle rund 200 mitgereisten Gästefans brechen in Jubel und Ekstase aus. Also: Aufholjagt wieder erfolgreich!
Mit verlorenen Wetten aber einem ungläubigen Gefühl, einen ersten Punkt in diesem Stadion geholt zu haben, fahren wir also zurück zum Hauptbahnhof und nach einer Essenspause weitere 9 Stunden durch die Nacht und ganz Deutschland. Als wir gegen 9 Uhr morgens den Wolfsburger Bahnhof erreichen, haben wir die Gewissheit eines riesigen Katers, aber eben auch einen vollkommen unerwarteten Punkt in der Tasche!

*Meilen: 730                   Gesamt: 2193